Familienkutsche auf zwei Rädern

Kölner Stadtanzeiger vom 11.01.2014 von Frank-Thomas Wenzel:

Nehmen wir eine junge Durchschnittsfamilie. Sie wohnt in einem Reihenhäuschen am Rande der Stadt. Sie sind umweltbewusst, denken schon länger darüber nach, ob sie auch ohne Zweitwagen auskommen.

 koelner stadt anzeiger

„Das ist eine ideale Konstellation“, sagt Tobias Spindler, Sprecher des Darmstädter Fahrradbauers Riese & Müller. Ideal wofür? Für ein Lastenrad. 

Lastenräder haben das Zeug dazu, zu einemder großen Trends des Jahres 2014 zu werden. Wobei es Fahrräder, die Güter transportieren, schon so lange gibt, wie es Fahrräder gibt. Inzwischen hat sich der Elektro-Hilfsantrieb durchgesetzt. Die sogenannten Pedelecs sind die mit Abstand am schnellsten wachsende Kategorie der Zweiräder. 2014 kommen neue Modelle auf denMarkt – mit noch effizienteren Akkus und Motoren. Deren Einsatz bei Lastenrädern erleichtert das Vorwärtskommen auch bei schwerer Beladung.Auch gute Bremsen sind nötig, denn ein Transportrad kann auf einGesamtgewicht von mehr als 200 Kilogramm kommen.

Die potenziellen Nutzer sind Menschen, die nicht nur im Reihenhäuschen in der Vorstadt, sondern auch in dicht bebauten Stadtvierteln in Hamburg, Frankfurt, Berlin oder Köln wohnen.Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich hier eine junge, oft gut verdienende Schicht etabliert hat, die vom eigenen Auto wenig hält, weil es teuer ist und durch wenig Parkplätze und viel Verkehr in der Stadt immer unkomfortabler wird. Für Fahrradbauer Spindler ist klar, dass dies die potenziellen Nutzer von Lastenrädern sind. Stephan Schreyer, Sprecher des Zweirad- Industrie-Verbandes räumt ein, dass Lastenräder bislang ein kleines, ganz spezielles Segment seien. „Doch wir hören, dass das Thema deutlich an Bedeutung gewinnt.“

Geschäftlich oft genutzt

Dabei sind E-Transporträder schon in großer Zahl im Einsatz. Die Brief-Zusteller der Deutschen Post nutzen seit 2002 Pedelecs, etwa 6000 Stück, Tendenz steigend. Es gibt Kongresse und es laufen hierzulande mehrere Projekte, die die kommerzielle Nutzung der Transportfahrzeuge untersuchen. Unter Federführung des alternativen Verkehrsclubs VCD und unterstützt vom Bundesumweltministerium, lief im vorigen Jahr das Projekt „Ich fahr’ Lastenrad“ an. Im Frühjahr soll ein Internet- Informationsportal online gehen, das sich vor allem an Kommunen und Unternehmen richtet. Im Projekt „Ich ersetze einAuto“ werden ebenfalls Elektro-Lastenräder als Transportfahrzeuge in acht Kommunen – darunter Berlin und Leipzig – getestet, die Leitung hat das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Den Projekten liegt die Beobachtung zugrunde, dass in den vergangenen Jahren das Aufkommen an kleinteiligen Lieferungen an private und gewerblicheAdressaten stark zugenommen hat. Das hat vor allem mit dem schnell wachsenden Onlinehandel zu tun. Hinzu kommt, dass Boutiquen, Schuhgeschäfte und andere Einzelhändler praktisch keine Lagerflächen mehr haben und deshalb beinahe täglich zur Ergänzung des Sortiments von Lieferanten angefahren werden.

Laut VCD macht der sogenannte „innerstädtische Wirtschaftsverkehr“ inKommunenwie Berlin oder München inzwischen fast 50 Prozent des täglichen Kraftfahrzeugaufkommens aus. Die Folge: Lieferwagen verstopfen die Straßen. Hinzu kommt:DieRestriktionen für konventionelleTransporter wachsen. Kommunen erlassen Zufahrtbeschränkungen für Kraftfahrzeuge und weisen Umweltund Fußgängerzonen aus.

Doch der VCD gibt dem E-Lastenrad eben auch als neue „Familienkutsche“ eine Chance. Die Auswahl ist groß.Auf derWebsite „Nutzrad.de“ werden 177Modelle von hiesigen Fahrradbauern aufgeführt – Deutschland ist damit in puncto Vielfalt mutmaßlich Weltmarktführer. Es gibt Selbstbausätze für gut 1000 Euro, aber auch Räder, die um die 5000 Euro kosten können.

Nicht nur beim Preis, auch beim Fahrzeugtyp sind dieUnterschiede groß. Der sogenannte Long John, der aufgrund des niedrigen Schwerpunkts als die agilste Variante gilt, ist ein Zweirad mit einer oft bottichartigen Transportbox zwischen Lenker und Vorderrad. Short John: Hier kommt die Fracht auf einen vergrößerten Gepäckträger hinter dem Sattel. Zudem sind dreirädrige Front- und Hecklader unterwegs. Das Modell Load (Long John) von Riese & Müller kann mit einem Kinder-Doppelsitz versehen werden – für Eltern, die ihren Nachwuchs in den Kindergarten bringen.

Genaue Verkaufszahlen fürs Load will Fahrrad-Hersteller Spindler allerdings nicht nennen. ImJahr 2013 habeman im „guten dreistelligen Bereich“ gelegen – also noch ausbaufähig. Dieses Jahr soll der Absatz in dem Segment aber „sehr stark“ gesteigert werden.

Beispiele für Lastenräder